Armut ist ein interessanter Begriff. Wenn man das Wort bei Google eingibt, spuckt einem die Suchmaschine eine geradezu klassische Definition dieses Wortes aus. „Armut“ sei die „mangelnde Befriedigung von Grundbedürfnissen wie ‚Kleidung’, ‚Nahrung’, ‚Wohnung’, ‚Gesundheit’“. Schätzungsweise hätte ich dieser Definition vor einigen Monaten vollkommen zugestimmt. Grundsätzlich und nüchtern betrachtet ist an dieser Definition auch nichts auszusetzen. Wenn ich mir heute allerdings überlege, was „Armut“ für mich bedeutet, dann habe ich ein paar Worte mehr zu sagen ...


Vor fast genau fünf Monaten bin ich am Cape Town International Airport gelandet. Als frisch gebackene Abiturientin hatte ich mich dazu entschieden, für einige Monate in einem südafrikanischen Kinderheim mit Aidswaisen zu arbeiten. Damit bin ich in einem kleinen Nest, 30 Minuten von Kapstadt entfernt, gelandet – im Gepäck hatte ich Irina André-Langs Autobiographie „Kap meiner Hoffnung – als Kinderärztin in Südafrika“, die ich binnen weniger Tage verschlang. In diesem Buch las ich von Lesotho und dem Hilfstransport, den die Organisation Yes we care! e.V. einmal im Jahr organisiert. Neugierig geworden, habe ich mit Irina Kontakt aufgenommen, um sie ganz frech zu fragen, ob ich sie auf einem dieser Hilfstransporte begleiten dürfe.


So kam es, dass ich am Sonntag, den 10. Februar 2013 im Flieger nach Durban, dann im Shuttlebus nach Port Shepstone saß, um dort mit großem „Hallo“ von Irina und Rolf, einem evangelischen Pastor und ehemaligen Anti-Apartheid-Aktivisten, abgeholt zu werden. Am Strandhaus angekommen, lernte ich zu guter letzt Irinas lieben Ehemann Peter kennen. Alle drei waren mir auf Anhieb wahnsinnig sympathisch. Beim Abendessen sorgten ihre Erzählungen von vergangen Transporten für riesengroße Vorfreude auf die bevorstehenden Tage.


Am Montag Morgen wurden die restlichen Einkäufe und Erledigungen gemacht. Nachdem die letzten Schuluniformen, Lebensmittel und Süßigkeiten besorgt waren, wurden die zwei riesigen Anhänger mit all den vielen Hilfsgütern bepackt. Toilettenartikel auf Schulmaterialien, Medizin neben Klamotten, Kosmetik hinter Spielsachen, einen Haufen warme Decken obendrauf; und auch ich durfte einen großen Teil meines eigenen Kleiderschrankes, in eine große Umzugskiste verpackt, beisteuern. Am Ende war alles verstaut und der Tag endete bei einem Glas Wein und einer ganzen Menge Vorfreude.


Leider muss ich mich über Nacht ganz schön erkältet haben, denn als es am nächsten Morgen um fünf Uhr losging, plagten mich fiese Hals- und Kopfschmerzen. – Aber ... egal! Es geht los! Yay!

 


Golden Gate                                                                         


Im Auto neben Irina sitzend, bekam ich schon die volle Informationsladung über Lesotho sowie die Politik- und Kulturgeschichte des Landes, während ich, hingerissen von der vorbeiziehenden Landschaft KwaZulu-Natals, die Kamera nicht sinken lassen konnte. Unsere Reiseroute ging über Durban, Pietermaritzburg, Mooi River, Harrismith, Phuthaditjhaba und andere Orte, deren Namen man nicht aussprechen konnte. Es war eine spektakuläre Fahrt, auf der es neben atemberaubenden Weiten des Free States und dem umwerfenden Blick auf die Drakensberge auch einige wilde Tiere zu sehen gab. Zebras, Springböcke, Weißschwanzgnus und ein paar Affen kreuzten unseren Weg. Für mich war schon diese Fahrt ein unvergessliches Erlebnis.

 


Pavian                                                                          Blesbok


Angekommen in Clarens, nahe der Grenze zu Lesotho, ließ ich mich vollkommen geplättet von all den Eindrücken und ein bisschen mitgenommen von gelegentlichen Fieberattacken in die Kissen fallen.
Am nächsten Morgen um 4 Uhr ging unsere Reise weiter – bei Sonnenaufgang in den Drakensbergen. Irina, so voller Tatendrang, konnte kaum ruhig sitzen, als wir pünktlich um 6 Uhr zur Grenzöffnung in Caledonspoort ankamen. Zuversichtlich betraten wir den Grenzposten, da wir uns sicher waren, die nötigen Dokumente vorbereitet und alle Vorschriften erfüllt zu haben, um das Land problemlos zu verlassen. Allerdings stellte sich nach kurzer Zeit heraus, dass sich 12 Tage zuvor die Regulierungen zur Überquerung der Grenze geändert haben müssen. Ein eher unfreundlicher Officer teilte uns mit kaum merklichem Argwohn mit, dass wir vorerst einen „clearing agent“ aufsuchen müssten, um unsere Rechnungen und Dokumente überprüfen zu lassen. Völlig aufgebracht fuhren wir mitsamt den Trailern zurück in ein kleines Örtchen, in dem es offenbar einen solchen „clearing agent“ geben sollte. Ein verschlafen wirkender junger Mann übernimmt unseren Fall und nach 2 Stunden und einiger Verzweiflung Irinas geht es mit geprüften Dokumenten zurück an den Grenzposten. Endlich durften wir die südafrikanische Grenze überqueren. Noch auf der kurzen Fahrt durchs Niemandsland auf dem Weg zur Grenze zu Lesotho sagt Irina mit erleichtertem Lächeln auf den Lippen: „So, Anna. Freu dich, jetzt kommt der Fun-Part!“ – Pustekuchen. An der zweiten Grenze angekommen, wurde uns klargemacht, dass sich auch hier die Einfuhrregeln 12 Tage zuvor geändert hatten und wir das Land nur mit Hilfsgütern betreten dürften, für die im Voraus eine Steuerbefreiung vom Finanzamt in Lesotho eingeholt wurde. Dass es ein Steuerabkommen zwischen Südafrika und Lesotho gab, die Waren in Südafrika erworben waren und Lesotho damit die Steuer von Südafrika zurückbekommen kann, interessierte den Officer wohl kein bisschen. Völlig aufgelöst versuchte Irina, dem Mann klarzumachen, dass sie nur zwei Wochen zuvor an derselben Grenze um Einreiseformulare für diesen Transport gebeten hatte und völlig falsche Informationen erhalten hatte, und dass 900 Schulkinder gespannt auf die Ankunft der Güter warteten. Der Grenzwächter war allerdings nicht weich zu kriegen und schien kein bisschen kompromissbereit, obwohl der Transport aus unserer Sicht zu 100% legal schien. Nach 2 Stunden verzweifelter Telefonate mit diversen Botschaften schien es noch immer aussichtslos, die Grenze jemals überqueren zu können. Niemand konnte uns so wirklich sagen, was zu tun war. Doch Irina, die inzwischen ungefähr jede Emotion dieser Welt durchgemacht hatte, wollte noch nicht locker lassen. Letztendlich teilte uns der Officer mit, dass wir, wenn wir die zu versteuernde Summe - in bar - direkt aushändigen könnten, die Grenze überqueren dürften. Da selbstverständlich niemand von uns eine solche Menge Bargeld bei sich trug, sahen wir als letzten Ausweg, die Schulleiterin in Pitseng, Sister Alice, anzurufen, um sie zu bitten, die erforderliche Geldmenge irgendwie aufzutreiben und diese an den Grenzposten zu bringen. – Sister Alice versprach, dass jemand mit dem benötigten Betrag an die Grenze kommen würde. „She’ll be there in 20 minutes“, kündigte sich die sympathisch klingende Stimme an. ...3 Stunden später erschien sie dann persönlich mit dem Geld im Gepäck und wir alle atmeten erleichtert und erschöpft auf.

 


Rolf Bürgers und Anna-Lucia Rupp an der Grenze


Nach insgesamt 7 Stunden Warterei bei zahlreichen Verzweiflungstränen, einem ausgiebigen Frühstück auf dem Parkplatz des Grenzpostens und einigen Fieberschüben meinerseits wurde es uns endlich erlaubt, das Land zu betreten. Letztendlich konnten wir sogar ein kleines bisschen über diese doch ziemlich skurrile Situation schmunzeln und waren nun mehr als bereit für den angekündigten „Fun-Part“.
Irina hatte nicht zu viel versprochen. Die letzten zwei Stunden Fahrtzeit waren für mich wohl eines der beeindruckendsten Erlebnisse meines Lebens. Kaum hatten wir die Grenzen zu Lesotho überquert, hatte ich Fieber und Halsweh vollkommen vergessen. Wir fuhren auf mehr oder weniger geteerten Straßen durch atemberaubende Landschaften, vereinzelt konnte man die bunt angemalten Rundhütten aus Lehm erkennen, die sich in das Grün der Berge schmiegten. Wir durchquerten ein kleines Dorf namens Butha-Buthe, in dem es beim Straßenmarkt rege zuging, sahen Menschen miteinander verhandeln, alte Ochsenkarren mit allerlei Waren beladen, wunderschöne Frauen, die Wasser in Tonkrügen auf dem Kopf balancierten, junge Hirten, die in bunten Wolldecken gewickelt auf ihre Kuhherden aufpassten, auf Eseln reitende Männer, bekleidet mit den typischen, modisch weißen Gummistiefeln ... Man war plötzlich in einer anderen Welt angekommen.
Während ich wie verzaubert aus dem Fenster blickte, erzählte mir Irina von dem Volk der Basotho und dass diese Menschen außerordentlich friedfertig und freundlich seien, was mir dieses Land auf Anhieb noch sympathischer machte.
Doch nun sollte es erst richtig losgehen. So langsam näherten wir uns Pitseng ...

 


Herzliche Begrüßung an der Pitseng High School


Der Empfang der Schüler der Primary- und Highschool war überwältigend. Viele von ihnen waren uns Hunderte Meter weit auf dem Schotterweg entgegengelaufen und hießen uns mit bunt beschriebenen Plakaten willkommen. Ich wusste gar nicht, wie mir geschieht, als ich auf einem der Plakate plötzlich meinen eigenen Namen entdeckte.

 



Alle Schüler freuten sich wie wild, uns nach der stundenlangen Verspätung endlich zu sehen. Angekommen an dem Schulgelände begrüßten uns die Lehrerinnen der Highschool, Mrs. Makabelo, Mrs. Mpho und Mrs. Tau – drei wahnsinnig freundliche Frauen. Alle Schüler halfen uns kräftig mit, die Hänger auszuladen und die Güter in das Foyer zu transportieren.

 




Währenddessen lernte ich einige der Schulmädchen näher kennen. Außerdem durften wir draußen im Hof die Essensausgabe miterleben – auf dem Speiseplan standen der typische Maisbrei, eine Art Kohleintopf und ein hartgekochtes Ei. Es war spannend zu sehen, wie stolz die Kinder auf ihr Mittagessen waren. Obwohl es fast jeden Tag das gleiche zu geben schien, schätzten die Schüler alles, was auf den Teller - beziehungsweise in die Plastikschüssel – kam.

 



Als sich schließlich alle im Foyer der Highschool versammelt hatten, wurden wir deutsche Besucher auf einer Art Bühne platziert. Zuerst war mir das ziemlich unangenehm, doch im nächsten Moment war ich mir gar nicht mehr so sicher, wer hier eigentlich wen betrachtete. Von oben hatte man plötzlich die perfekte Sicht auf die gesamte Schülerschaft. Wir beäugten uns gegenseitig ein wenig neugierig, doch nach einer allgemeinen Vorstellungsrunde war die anfängliche Distanz wie verflogen. Bei der Verteilung der Güter an die Schüler hatte ich noch einmal die Gelegenheit, mit einigen von ihnen zu sprechen.

 


Anna-Lucia und Musiklehrer mit den mitgebrachten Gitarren  /  Die Schülerinnen und Anna-Lucia


Gegen später wurde ich von einigen Mädchen ein bisschen auf dem Gelände herumgeführt. Ich durfte die von Yes we care! e.V. renovierte Küche, die neu eingerichteten Hühner- und Schweineställe, die Schlafsäle und die Duschen besichtigen. Man konnte ganz deutlich erkennen, wo die Hilfe von Yes we care! e.V. schon überall angekommen ist.

 



Doch noch immer sind die Umstände, in denen die Schüler Tag für Tag leben, nicht einmal ansatzweise mit deutschen Verhältnissen zu vergleichen. Ich bewundere sie so sehr für ihre Lebenseinstellung. Obwohl sie so gut wie nichts im Leben besitzen, sind sie für das, was sie haben, unendlich dankbar. Das zu sehen, hat mich unglaublich berührt.
Ganz geplättet aber überglücklich machten wir vier uns auf den Weg in unser Guest House nahe des Schulgeländes. Ehrlich gesagt wollte ich gar nicht zurück in den gewohnten „Luxus“. Vieles ist einem plötzlich so unangenehm und kommt einem unglaublich unpassend vor. Trotzdem genossen wir an diesem Abend bei einem Glas Wein den Blick auf die hell erleuchtete Milchstraße und gingen bald erschöpft zu Bett.

 


Rolf Bürgers und Anna-Lucia im Cosmeen-Feld  /  Anna-Lucia und Thabang Molipa, der vom Gymnasium Bad Waldsee gesponsert wird


Nach einer traumreichen und furchtbar lustigen Nacht ging es am nächsten Tag zurück zur Schule. Während Irina einige Besprechungen mit Sister Alice zu führen hatte, wurden Rolf und ich von Mr. Tau auf dem Schulgelände herumgeführt. Er zeigte uns die von den Schülern angelegten Gärten, die neuen Schweineställe, die neuen Toilettenanlagen – auch ein Projekt von Yes we care!e.V. - und das Gelände des angrenzenden Konvents.

 



Auch erhaschte ich einen Blick in einen der Klassenräume, in dem gerade der Unterricht stattfand. In der heiß ersehnten Unterrichtspause scharten sich die Mädchen wieder um mich und stellten mir allerlei Fragen über mein Leben, meine Familie und meine Schullaufbahn. Ganz gespannt hörten sie mir zu und konnten es kaum fassen, dass es in Deutschland fast normal für einen Schüler ist, nach dem Abitur studieren zu gehen. Wiederum bekam ich die ganze Ladung Bewunderung und Respekt zu spüren, empfand aber dasselbe im Gegenzug. Die unglaublich offene und bedingungslos herzliche Art, wie diese Menschen mit mir umgingen, berührte mich so sehr. Schweren Herzens machten wir uns schließlich mit leeren Hängern auf den Weg nachhause. Im Auto sitzend konnte ich eine ganze Weile lang gar nichts sagen. Diese Begegnungen wirkten nach. Eigentlich bis zum heutigen Tag.

 


Irina, Mrs. Makabelo, Anna-Lucia, Sister Alice, Mho, Rolf, Mrs. Tau


Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, was Armut denn nun wirklich zu bedeuten hat, dann muss ich sagen, dass es schätzungsweise in Deutschland viele Menschen gibt, die bettelarm sind. Der Begriff „Armut“ kann laut Google im „weiteren und übertragenen (metaphorischen) Sinn“ allgemein als Mangel definiert werden. Mangelt es nicht viel zu oft uns „Reichen“ an Bedingungslosigkeit, Offenheit, Liebe und Zufriedensein? Warum müssen wir auf unserem Geld sitzen und doch so unzufrieden und gierig sein? Sind wir „Reichen“ überhaupt so „reich“ wie wir eigentlich glauben?