Geschrieben von Annabelle Forster
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Mein erster Trip nach Lesotho

 

Am 14.03.2012 ging unsere Reise nach Pitseng um fünf Uhr morgens von Clarens los. Im Gepäck zwei voll beladene Hänger mit Hilfsgütern für fast tausend Kinder. Als Erste an der Grenze fuhren wir schon um sieben Uhr morgens in Lesotho ein. Sofort informierten wir die Lehrer in der Schule, dass sie in knapp zwei Stunden mit uns rechnen durften. Schon am Telefon konnten wir die Aufregung und Freude spüren. Nach unserer Einreise musste ich feststellen, dass wir nicht nur eine Grenze passiert, sondern auch eine Zeitreise unternommen hatten. Im Morgengrauen wirkten die Felder und vereinzelten Hüttchen  friedlich, jedoch im Vergleich zu den  fruchtbaren Feldern in Südafrika, karg und trocken. Auf unserem Weg kreuzten uns Ochsenkarren, Hirten mit ihrer kleinen Herde und Reiter auf Eseln, die mich an eine lang vergangene Zeit erinnerten.

Endlich erreichten wir die Staubstraße zur Pitseng High School. Über das ganze Gesicht strahlende, singende und tanzende Kinder kamen auf unsere Autos zugerannt und winkten uns zu. Bei diesem Anblick kann man nur eine Gänserhaut und ein Strahlen auf dem Gesicht bekommen. Es war klar, wir wurden schon lange und sehnlichst erwartet. Von der Stimmung mitgerissen begrüßten wir freudig die Lehrer und Direktorin Sister Alice. Das Lachen dieser Menschen werde ich nie vergessen. Aus tiefsten Herzen geht ein lautes, freudiges Lachen  in singendes  Glucksen über. Die Schüler bildeten sofort eine Kette und die Hänger, welche wir in drei Stunden beladen hatten, wurden von den Kindern im Nu ausgeladen. Nach unserer Begrüßung mit Blumen und vielen Umarmungen versammelten wir uns alle in der Aula. Sister Alice begrüßte uns mit einem Gebet und einer rührenden Rede. Die Stimmen des Schulchores erhellten die Aula und selbstgemachte Gedichte wurden von Schülern für uns vorgetragen.

 

Nachdem jedes Kind einen Apfel und Süßigkeiten erhalten hatte, verteilte Irina die Kleider und Decken für die Grundschüler, welche ihre Eltern durch Aids verloren hatten. Die Grundschüler sind jedoch nicht nur gleichaltrige Schüler, wie bei uns in Deutschland. Manche sechsjährige gleichen körperlich einem vierjährigen, da sie durch Unterernährung nicht wachsen konnten. Auch gibt es viele ältere Jungs, die jetzt erst in die Schule gehen können, da sie vorher jahrelang das Vieh hüten  und zu Hause arbeiten mussten. Jedes der Kinder bekam zusätzlich ein Kuscheltier, welches freudestrahlend ihren Freunden und uns präsentiert wurde.

Danach wurde die Kleidung für die älteren Jahrgänge verteilt. Manche der mitgebrachten Päckchen konnten nicht abgeholt werden, da die Kinder nicht anwesend waren. Bei Nachfrage berichtete uns Sister Alice, dass dies manchmal vorkam, dass Kinder verschwanden und nichtmehr auffindbar waren. Mögliche Gründe hierfür sind mangelnde Mittel oder der Tod der Eltern, welches dem Kind einen weiteren Schulbesuch versagt oder die Kinder versuchen eine Arbeit zu finden, um ihre Familie ernähren zu können und brechen die Schule dafür ab. Dies zeigte mir, dass es nicht selbstverständlich ist, dass diese vielen Kinder, die uns in der Aula begrüßt hatten, zur Schule gehen dürfen.

 

Am Nachmittag konnten wir 14 Kinder, die von Pat/innen über  Yes we care! e.V. zusammen mit Help Help Lesotho gesponsert werden,  treffen.  Drei der Pat/innen  tauschten Briefe mit ihrem Patenkind aus und erzählten von sich und ihren Familien. Man merkte, dass nicht nur die Kinder sich geehrt  fühlten, einen Paten von so weit weg zu haben, sondern auch die Paten stolz ihre Patenkinder  umarmten.

Am zweiten Tag unseres Aufenthaltes durften wir die Schule besichtigen. Nachdem wir das Lehrerzimmer und die Räume für Werken und Naturwissenschaften gesehen hatten, wurden wir zu den neu angeschafften Kühen und Schweinen geführt. Dort erwartete uns eine freudige Überraschung. Eine der drei Kühe hatte über Nacht ihr Kalb bekommen. Stolz wurde uns das wenige Stunden alte Kalb präsentiert.  Man konnte spüren, wie wertvoll dieses kleine Wesen für die Arbeiter und Lehrerinnen der Schule war.  Nichtmehr lange, meinten sie, und die Schüler können ein Glas Milch am Tag trinken. Bei einer Ernährung, die täglich aus Maisbrei und gekochtem Kohl besteht, eine einschneidende Veränderung.

 

Wir erhielten das Privileg, dem kleinen Kälbchen einen Namen zu geben. Unsere Entscheidung fiel auf „Lindau“. Dies ist der Name meiner Heimatstadt, welche als Stadtinitiative Anteil an den gespendeten Geldern des Vereins „Wir helfen Afrika e.V.“ hat, der widerum durch Spenden an „Yes we care! e.V.“ die Anschaffung der Milchkühe ermöglicht hat.

Die drei Kühe nannten wir Khotso (Frieden), Pula (Regen) und Nala (Wohlstand), in Anlehnung an die Staatsfahne und das Motto von Lesotho.

 

Unser Weg durch die Schule führte uns weiter in die Schlafsäle der Mädchen. Mehr als dreißig Mädchen teilen sich in den unteren Klassen einen Schlafsaal, der nur Stockbetten mit dünnen Decken und einem Kissen enthält. Die Zimmerdecke der Schlafräume ist über und über mit Schimmel bedeckt, der durch die undichten Hausdächer entsteht. Auch fließendes oder warmes Wasser sucht man in den Waschräumen vergebens. Wenn man die Augen schließt kann man sich nur annähernd ausmalen, wie diese Bedingungen im Winter bei Minusgraden auszuhalten sind.  All diese Umstände lassen sich die Mädchen jedoch nicht anmerken. Mit einem Strahlen auf dem Gesicht umarmten sie mich und fragten mich Dinge, die sich Mädchen untereinander ebenso fragen. Ich bewundere diese Mädchen, die so dankbar für unsere Hilfe sind und die mir von ihren Lieblingsfächern und Freundinnen berichten, als sei ich ein Teil ihrer Gruppe.

 

Für mich war das Faszinierenste an Lesotho, dass trotz Armut, Krankheit und schwersten Lebensbedingungen, die Menschen sich gegenseitig freundlich und respektvoll gegenübertreten. Nach drei Tagen in Lesotho und dem ersten überwundenen Schock über die katastrophalen Umstände, lässt einen diese Lebensfreunde und Menschlichkeit manchmal vergessen, dass man sich in einem der ärmsten Länder dieser Welt befindet. Ich hoffe ich werde ein weiteres Mal die Möglichkeit haben, dieses Land mit seinen Menschen und die geplanten Verbesserungen an der Schule erleben zu können.