Geschrieben von Helga Ahlbach und Ulrike Völkmann
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Helga Ahlbach: Seit 2011 bin ich Mitglied bei Yes we care! e.V. und seit 2012 Schriftführerin des Vereins. Aufgrund meiner Aufgaben habe ich einen tiefen Einblick in die Arbeit von Yes we care in Pitseng, die ich mit Leidenschaft unterstütze. Meine Neugierde, mich auch vor Ort umzusehen, wurde im Laufe der Zeit immer größer, und so wollte ich gerne den Hilfstransport 2014 nach Pitseng begleiten.
Ich starte am Sonntagnachmittag, den 2. März von Düsseldorf nach München. Hier treffe ich mich mit Ulrike Völkmann, der 2. Vorsitzenden des Vereins, um gemeinsam den Flug über Johannesburg nach Durban fortzusetzen ...

Ulrike Völkmann: Auch ich bin seit 2011 Mitglied des Vereins – nachdem ich begeistert Irinas 2010 erschienenes Buch „Kap meiner Hoffnung – als Kinderärztin in Südafrika“ lektoriert habe, war es darüber hinaus nicht schwer, mich für das Amt der 2. Vorsitzenden zu gewinnen. Seit damals ist es schon immer mein Traum gewesen, einmal den Hilfsgütertransport nach Pitseng zu begleiten – und jetzt ist es endlich so weit! Ich bin aufgrund meiner Aufregung unendlich froh, dass ich nicht alleine fliegen muss und Helga mich auf der Reise begleiten wird ...


Gemeinsamer Bericht von Helga Ahlbach und Ulrike Völkmann: Nach einem angenehmen Nachtflug werden wir am Montagnachmittag am Flughafen von Durban von Irina freudig begrüßt. Weiter geht es mit dem Auto nach Port Shepstone, in das Haus von Irina und ihrem Mann Peter, wo wir die nächsten Nächte verbringen. Gleich auf dem Weg zum Gästezimmer können wir die vielen Kartons mit Hilfsgütern für den Transport nach Pitseng aufeinander gepackt in der Garage stehen sehen – vor allem handelt es sich dabei um in schweißtreibender, tagelanger und liebevoller „Kleinarbeit“ gepackte individuelle Kleidungspakete für bedürftige SchülerInnen.


Aber das soll bei Weitem noch nicht alles sein, wie sich bei fröhlichem Gespräch während des Abendessens herausstellt … An den beiden nächsten Tagen sind wir mit Einkäufen und weiteren Vorbereitungen für den Transport beschäftigt. Auch muss noch der zweite Anhänger von der Farm aus Underberg geholt werden, sodass wir zwei wunderschöne Tage am Fuße der Drakensberge verbringen können.

Wieder in Port Shepstone angekommen, werden die ersten Kartons auf einen der Anhänger verladen. Dabei ist Eile geboten, denn es sind – recht ungewöhnlich für diese Jahreszeit – starke Regenschauer angesagt, und die würden den Transportkartons nicht gut tun. Mit viel Schwitzen bei der feuchten Hitze schaffen wir es, alles trocken aufzuladen und die Abdeckplanen aufzuziehen. Inzwischen sind auch Charlotte Forster und Claudia Niedermeier, zwei unserer Sponsoren, die den Hilfstransport begleiten wollen, um ihre Patenkinder in Pitseng zu besuchen und uns zu unterstützen, eingetroffen.

Am nächsten Tag werden nach weiteren Einkäufen beide großen Anhänger beim Großhändler „Bargain Wholesalers“ mit Tonnen von Hilfsgütern (Toilettenartikel, Waschmittel, Kleidung, Obst, Schulmaterialien, warmen Decken etc.) beladen und für den Transport mit Planen abgedeckt und gut gesichert, denn es soll auch alles trocken in Pitseng ankommen. Die Wettervorhersage: viel Regen!


 
Der Tag endet mit einem hervorragenden Abendessen, von Charlotte zubereitet, und der Vorfreude auf den „großen Trip“! Frühmorgens machen sich dann drei Autos auf den Weg. Zunächst werden beide Anhänger angespannt, Helga sitzt neben Irina im Auto, die den Transport anführt - gefolgt von Peter und Ulrike mit dem zweiten schweren Hänger. Charlotte und Claudia begleiten uns im eigenen Auto. Wie vorhergesagt, regnet es und dunkle Wolken ziehen über uns hinweg. Der Blick nach vorne lässt aber auch immer wieder Hoffnung aufkommen, dass sich das Wetter bessern könnte.


 
Unsere Reiseroute führt auf der gut ausgebauten N3 bergauf und bergab durch atemberaubende Landschaften. Irina steuert das „Gespann“ sicher Kilometer für Kilometer unserem Ziel entgegen.


 
Bald ändert sich auch das Wetter und als wir am Spätnachmittag in Clarens, nahe der Grenze Lesothos, ankommen, scheint die Sonne zu unserem Empfang. Müde aber auch glücklich, dass wir unser Nachtlager erreicht haben, lassen wir uns nach dem feierlichen Genuss einer Flasche Sekt in die Betten fallen.


 
Bereits um 4 Uhr am nächsten Morgen geht unsere Reise weiter. Bei Nebel und in der Dunkelheit fahren wir – gespannt, ob wir im Gegensatz zum Jahr davor dieses Mal gut über die Grenze kommen - nach Calendonspoort. Mit allen Papieren versehen und dem Wissen, dass wir auf der Lesothoseite von Mitarbeitern der Pitseng High School erwartet werden, erreichen wir die Grenze. Gerade ausgestiegen, steht plötzlich Mrs. Mhpo hinter uns, die wir eigentlich erst hinter der Grenze in Lesotho erwartet haben, und berichtet, dass wir den Grenzübergang nicht passieren können, da durch die anhaltenden Regenfälle eine Brücke den Wassermengen zum Opfer gefallen und so die Straße nach Pitseng nicht befahrbar ist. Nun sind aber die Einreisepapiere für diesen Grenzübergang ausgestellt und Irina und Peter müssen erst beim Grenzposten veranlassen, bei der nächsten Grenze in Ficksburg anzurufen, damit man dort unsere Dokumente akzeptiert. Mit gemischten Gefühlen wenden wir unsere Gespanne und fahren Richtung Ficksburg. Wider Erwarten können wir dort nach nur einer Stunde Dokumentenprüfung die Grenze problemlos passieren und in Lesotho einreisen. Jetzt sind wir unserem Ziel bereits sehr nahe, es tut sich eine andere Welt auf. Die Neugier auf die Kids, die beeindruckende Landschaft und die freundlichen, bunt gekleideten Menschen auf den Straßen lassen die Anspannung von uns abfallen, stattdessen wird die freudige Erwartung immer größer.


 
Bei Sonnenschein nähern wir uns Pitseng. Der Weg zur Schule ist in unseren Augen eine fast unüberwindbare Buckelpiste mit großen Löchern, die Irina und Peter aber selbst mit den schweren Hängern im Schlepptau mit Bravour meistern.


 
Und dann, wir können es kaum fassen, kommen uns bereits weit vor Erreichen der Schule hunderte von Kindern entgegengelaufen. Fröhlich winkend, mit bunten Luftballons und Plakaten heißen sie uns willkommen.


 
Begleitet von diesem bunten Treiben, erreichen wir dann langsam das Schulgelände. Dort werden wir von Mrs. Makabelo und Ms. Tau herzlich in den Arm genommen und begrüßt. Auch die junge Musiklehrerin Claudia Dechand, die an der Pitseng High School vier Wochen ehrenamtlich Musikunterreicht gegeben hat, und Alexander Wright, einer unserer Paten, der vor Ort aktuell auch andere Projekte unterstützt, können wir bald unter den vielen Schülern ausmachen. Blumen werden uns von den Kindern überreicht und alle wollen uns einfach nur anfassen oder sich mit uns fotografieren lassen. Mit tatkräftiger Hilfe der SchülerInnen werden dann in Windeseile die Hänger ausgeladen und die Güter in die Aula getragen.




 
Währenddessen bahnen wir uns einen Weg durch das bunte Treiben der Schüler in die Aula, wo wir dann auf einem Podium Platz nehmen sollen. Von hier hat man die Sicht auf die gesamte Schülerschaft, die sich nun mehr und mehr in die Aula drängt.




 
An den Wandtafeln sind mit bunter Kreide die beiden Flaggen von Lesotho und Deutschland miteinander verbunden aufgemalt und mit Schriftzügen von Freundschaft und gegenseitiger Verbundenheit versehen.


 Charlotte Forster vor der bunt bemalten Willkommenstafel


Die SchülerInnen haben ein buntes Programm mit Musik, Gesang und Tanz vorbereitet, wobei auch die von Yes we care! e.V. gesponserten Gitarren und andere neue Musikinstrumente zum Einsatz kommen. Auch Claudia Dechand führt mit ihren Musik-SchülerInnen ein extra für uns geschriebenes Lied auf. Es ist einfach wunderbar, die schönen Stimmen zu hören und die Freude in den Augen der Kids zu sehen. Das alles berührt uns schon unglaublich und wir haben das Gefühl, für etwas beschenkt zu werden, was uns eigentlich gar nicht zusteht. Doch in diesem Augenblick wissen wir auch, dass es uns motiviert, uns weiterhin engagiert für diese Kinder einzusetzen.


 
Nach einer allgemeinen Vorstellungsrunde werden dann die mitgebrachten Güter verteilt. Die Süßigkeiten und Äpfel sind schnell aufgegessen, aber die schönen bunten, von einer wunderbaren alten Dame eigens für sie handgestrickten Pullover und Jacken sowie die Plüschtiere für die kleinen Kids sorgen nachhaltig für große Freude.


 
Aber auch die großen Kids haben ebenso viel Freude an ihrer neuen Kleidung - bei einigen von ihnen ist es sichtbar auch höchste Zeit, dass sie sie erhalten ...


Nach der großen Feier haben wir Gelegenheit, mit den Schülern zu sprechen und uns gegenseitig über das Leben in Deutschland oder Pitseng auszutauschen. Da überwiegen natürlich die Fragen der Kids ... Claudia trifft dabei das erste Mal ihre Patentochter Tlaleng– ein bewegender Moment für beide.


Am Spätnachmittag machen wir uns dann auf den Weg in unser Guest House, um ein bisschen auszuruhen. Danach führen uns Mrs. Makabelo und der Biologielehrer Mr. Tau auf dem Schulgelände herum. Was wir dabei als erstes zu sehen bekommen, ist dann doch ein mittlerer Schock: Die komplette untere Rückwand des von uns finanzierten neuen Toilettengebäudes mit integrierter Biogas-Anlage ist aufgrund der außergewöhnlich heftigen Regengüsse der letzten Wochen (und wohl auch aufgrund schlechter Bauweise …) umgestürzt.


In diesem Zustand sind die Toiletten wegen der Einsturzgefahr nicht mehr zu benutzen und die Kinder müssen bis zur gelungenen Reparatur des Gebäudes wieder die weit entfernten, in unsäglichem Zustand befindlichen alten Toiletten aufsuchen …

Wir besichtigen aber auch Küche, Vorratsraum und Bäckerei sowie Duschen, Schlafsäle und Boxenkammer. Vorbei an weiteren Gebäuden gelangen wir zu den Hühner- und Schweineställen und anschließend zum Kuhstall. Zwei der von Yes we care! e.V. finanzierten Kühe haben kleine Kälbchen, denen wir auch gleich neue Namen geben dürfen: Eines nennen wir „Mathabo“ (Freude), das andere „Tumêlô“ (Glaube, Zuversicht, Überzeugung).


Glücklich darüber, dass wir mit der Anschaffung der Tiere schon seit einiger Zeit zur Verbesserung der Ernährung beitragen können, nehmen wir für die kommende Nacht Abschied von der Schule. Bei Sonnenuntergang erreichen wir dann wieder unser Guest House. Überwältig von all dem Erlebten, fallen wir nach dem Abendessen in einen traumreichen Tiefschlaf.

Der nächste Tag beginnt in der Schule mit einer kleinen Andacht. Alle SchülerInnen versammeln sich dabei vor dem Schulgebäude zum Gebet. Gänsehaut verursacht der Gesang - fröhlich, klar und rein aus so vielen Kinderkehlen begleitet er uns als Widerhall den gesamten Tag über.



 
Anschließend begeben sich alle Schüler zum Unterricht, nur die Kinder aus unserem Patenschaftsprogramm versammeln sich in der Schulbibliothek. Hier werden die Briefe und Geschenke der Paten an die jeweiligen Kinder verteilt. Mit großer Freude und auch Erwartung werden die Briefe geöffnet und voller Stolz untereinander gezeigt. Für alle Kinder haben wir ein mit unserem Logo bedrucktes T-Shirt mitgebracht. Mit großem Hallo schlüpfen sie in die nach der jeweiligen Größe ausgegeben Shirts. Auch wir tragen dieses Shirt und repräsentieren nun gemeinsam eine große „Yes we care- Familie“. Irina berichtet den Schülern von ihren Sponsoren und der Arbeit des Vereins in Deutschland. Sie macht darauf aufmerksam, wie wichtig es ist, die Schulausbildung bis zum Abschluss zu bringen, um dann mit Bildung mehr Chancen im Leben zu haben. Auch Ms. Tau erzählt mit ihrer eigenen Lebensgeschichte, wie wichtig eine gute Ausbildung ist. Die Patenkinder hören aufmerksam und nachdenklich zu.


 
Danach versammeln wir uns wieder auf dem Schulgelände, um dort von allen Patenkindern einzeln und von der großen „Yes we care-Familie“ Fotos zu machen.


 
Während Ulrike als Fotografin beschäftigt ist und von allen 66 Patenkindern Einzelfotos für die Paten schießt, haben alle anderen auch Zeit, mit den Kindern zu reden.

Helga Ahlbach: Etwas abseits beobachtet mich ein kleiner Schüler mit Brille sehr aufmerksam und wohl überlegend, ob er mich ansprechen soll. Es dauert eine Weile, doch plötzlich tippt er mir auf die Schulter und fragt, ob ich ihm helfen kann. Er ist sehr traurig, dass er, obwohl er seinem Paten immer einen Brief schreibt, keine Antwort bekommt. Er wünscht es sich so sehr, auch einmal einen Brief mit Fotos von seinem Paten aus Deutschland zu bekommen. Ich verspreche ihm, dies in meinem Bericht zu erwähnen. Denn ich habe gesehen, wie viel Freude ein Brief bereiten kann und was es den Kindern bedeutet, dass in der Ferne jemand an sie denkt. Ein weiteres Gespräch mit zwei schon 18-jährigen Schülern zeigt mir, wie bildungshungrig und zielstrebig sie sind. Ihr Ziel ist es, einen guten Abschluss zu machen, und ihr größter Wunsch ist es, Medizin zu studieren. Die häufigsten Fragen aber sind, wie und wo wir in Deutschland leben. Wie sieht es bei euch aus? Habt ihr eine Familie? Die von mir mitgebrachten Fotos und Ansichtskarten aus Essen werden von Hand zu Hand weitergeleitet, um dann als kostbares Geschenk festgehalten zu werden.


   
Zum Abschluss unseres Besuches findet ein mehrstündiges Gespräch mit der stellvertretenden Schulleiterin Mrs. Makabelo, Mrs. Mpho und Ms. Tau statt. Noch ausstehende Nachweise über geleistete finanzielle Unterstützung von Yes we care! e.V. für die Schule werden erbracht und über die weitere Zusammenarbeit in verschiedenen Punkten gesprochen. Ms. Tau berichtet über die Betreuung der Patenkinder, um die sie sich rührend kümmert. Wir sind wirklich dankbar, dass wir sie für das Patenschaftsprogramm gewinnen konnten und ihr die Aufgabe großen Spaß macht.

Währenddessen sind unsere Mitstreiter jedoch auch nicht untätig: Alexander Wright und Claudia Niedermeier machen sich auf den Weg in die Schlafsäle, um dort Schimmelproben zu sammeln. Diese wollen wir in Deutschland untersuchen lassen, um gezielte Möglichkeiten einer effektiven Eindämmung dieses gesundheitsschädlichen Übels zu erfahren. Leider hat sich dieser Schimmel trotz von Yes we care! e.V. aufwendiger Renovierung wegen der Überzahl an Kindern in jedem Schlafsaal sehr schnell erneut gebildet!


   
Charlotte unterweist unterdessen Hauswirtschafts-Lehrer im Umgang mit dem „Goldenen Schnitt“ – unsere große Hoffnung ist, dass das vor allem den Mädchen helfen wird, einfach und unkompliziert nähen zu lernen … für die eine oder andere eine realistische Chance, damit später auch Geld zu verdienen.

Viel zu schnell vergeht die Zeit, und wir müssen schon wieder Abschied nehmen – besonders schwer fällt der Abschied Claudia Dechand, die die letzten Wochen mit den Kindern (und ihren LehrerkollegInnen) intensiv Freude und Leid geteilt hat und sich kaum von ihnen trennen kann … vor allem nicht von ihrer Patentochter Eketsang.


Welch ein Glück, dass wir nach unserem Besuch in Pitseng mit ihr noch ein paar wunderbare gemeinsame Tage in Südafrika verbringen können …

Wenn wir nach einem knappen Fazit dieser beeindruckenden Reise gefragt werden, lautet das heute wohl mehr denn je: Yes we care!

Helga Ahlbach: Die herzliche und offene Art der Menschen, obwohl sie so gut wie nichts besitzen und ihre Lebensverhältnisse nicht annähernd mit unseren zu vergleichen sind, hat mich unglaublich berührt und wird auch weiterhin auf meinen Alltag und meinen Einsatz für Yes we care! e.V. hier in Deutschland Auswirkung haben.

Ulrike Völkmann: Durch diese Reise ist mir einmal mehr klar geworden, wie viel Positives wir für die Kinder in Pitseng bereits bewirkt haben – und das ist unglaublich motivierend, mich weiterhin für die Verbesserung ihrer Situation einzusetzen. Allen, die uns dabei auf unterschiedlichste Art und Weise unterstützen, möchte ich an dieser Stelle von Herzen danken!


Kea leboha!